Pflegeberufe im "greisen Deutschland": Resignation oder Hoffnung?

Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen steht und fällt mit der beruflichen Pflege. Doch diese ist schon heute an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt: Hohe Krankenstände durch physische und psychische Belastungen sprechen Bände. Hinzu kommt die sinkende Verfügbarkeit von Pflegefachpersonal. Die Zeichen stehen schlecht, gibt es dennoch Hoffnung?


Pflege heute und in Zukunft


Im Jahr 2060 wird in Deutschland jeder vierte Mensch über 60 Jahre alt sein.[1] Die steigende Lebenserwartung einerseits und die niedrige Geburtenrate in Deutschland andererseits machen eine Versorgung von pflegebedürftigen Menschen zum sozialen Dilemma. Die Konsequenzen der Veränderungen im Altersaufbau der deutschen Bevölkerung werden „als dramatisch“[2] beurteilt, denn die aktuelle Bevölkerungsstruktur weicht von einem pyramidenförmigen Altersaufbau ab. Die Generation der sog. Babyboomer (Jahrgänge 1950-1965) dominiert den Bevölkerungsaufbau. Sie werden in den nächsten 20-30 Jahren in den oberen Bereich der Alterspyramide wechseln.[3] Kurz gesprochen: In Zukunft wird es zu wenig jüngere Menschen zur Versorgung der vielen älteren Menschen geben.


"Pflege ist die soziale Frage der 20er Jahre." (Jens Spahn)

Die pflegerische Versorgung von Menschen ist aber nicht nur ein Problem der weiten Zukunft, sondern hat sich bereits heute inmitten der deutschen Gesellschaft manifestiert:[4] Im Vergleich zum Jahr 1991 verdoppelte sich die Anzahl der Menschen mit über 85 Lebensjahren von 1,2 Millionen auf 2,4 Millionen Menschen im Jahr 2019.[5] Aus diesem Grund steigt auch die Prognose der Pflegebedürftigkeit, weil ein starker Zusammenhang zwischen Alter und Pflegefallrisiko vorhanden ist.[6] Gesundheitsminister Jens Spahn ist zuzustimmen, wenn er sagt: „Pflege ist die soziale Frage der 20er Jahre.“[7] Denn vor dem Hintergrund der amtlichen Statistik drängt sich die unvermeidliche Frage auf, wie die Menschen heute und in Zukunft das Zusammenleben einer alternden Gesellschaft zu gestalten vermögen.


Sinkende Verfügbarkeit von Pflegefachpersonal


Die starke Alterung der deutschen Bevölkerung geht nicht nur mit einem steigendem Pflegebedarf einher, sondern auch mit der sinkenden Verfügbarkeit von professionellem Pflegefachpersonal.[8] Ein Großteil des Pflegepersonals ist heute zwischen 50 und 60 Jahren alt[9], sodass in den nächsten 10-20 Jahren viele Pflegende in den Ruhestand gehen und nicht mehr als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen können. Ebenso hat der Berufsstand der professionellen Pflege als solcher fundamentale Probleme: Es gibt einen ausgewiesenen Fachkräftemangel,[10] die Bezahlung ist unterdurchschnittlich,[11] und die Krankheitsanfälligkeit in der Pflege ist signifikant höher als in allen anderen Berufen.[12]


Zwar wird der Pflegeberuf seit diesem Jahr durch eine generalistische Ausbildung reformiert, um den Pflegeberuf für jüngere Menschen attraktiver zu machen,[13] aber auch hier sind keine Voraussagen zu treffen, dass diese Initiative erfolgreich sein wird. Zusätzlich wirbt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weiter Fachkräfte aus Kosovo und Philippinen an.[14]


Vor dieser nüchternen Analyse der Pflegesituation in Deutschland, erhebt sich die Frage, ob es Anzeichen einer gesunden Entwicklung sind, wenn eine Gesellschaft in eine solche Schieflage gerät und darum bangen muss, seine Greisen unter würdevollen Bedingungen zu versorgen.


Konsequenzen für die berufliche Pflege


Die Menschen in den Pflegeberufen müssen diese soziale Spannung in ihrer täglichen Arbeit ausbaden. Die Belastungen des Berufs werden unter der steigenden Personalnot nicht geringer und nur wenig wird politisch und betrieblich getan, damit eine gesunde Berufsausübung gelingen kann. Selbstfürsorge ist für die meisten Pfleger:innen ein Fremdwort. So werden die Pflegekräfte kontinuierlich verbrannt und die Abwärtsspirale nimmt kein Ende.



Radikaler Wandel: Ein gesunder Pflege-Mix


Es braucht auf allen Ebenen (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft) einen radikalen Wandel für die Zukunft der Pflege in Deutschland. Die Hoffnung darf hier nicht allein auf der professionellen Pflege liegen. Pflege muss wieder ein Teil des sozialen Lebens der Familien werden. Aber auch diese benötigen zeitliche und monetäre Ressourcen, um die Aufgabe zu stemmen. Im Sinne eines balancierten Pflege-Mixes sind die Pflegeberufe eine wichtige Säule für die Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Doch muss die größte Berufsgruppe Deutschlands endlich die Wertschätzung erfahren, die sie verdient. Denn Pflege ist ehrlicher Dienst von Menschen für Menschen.


Ein Hoffnungsschimmer für Pflegeberufe in der Bildung


HumbiCare hat die Transformation in den Pflegeberufen erkannt. Die Pfleger:innen müssen in ihrer anspruchsvollen Tätigkeit angemessene Unterstützung erfahren. Durch Psycho-Edukation & menschliche Führungskultur möchten wir den psychosozialen Herausforderungen begegnen. Selbstfürsorge, Beratung und Psychologie sind die Elemente, die eine lebendige Pflege ermöglichen. Es geht nämlich nicht darum, dass Pflegekräfte funktionieren, sondern dass sie sich in ihrer Arbeit entfalten können. Auf diese Weise können die Pflegeberufe ein authentischer Ausdruck von menschlicher Lebendigkeit sein.



Literaturangaben:


[1] Vgl. Destatis (2019). Bevölkerung im Wandel: Annahmen und Ergebnisse der 14.

Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt: Wiesbaden, S. 25f.

[2] Krause, J. & Münnich, R. (2019). Kleinräumige Projektionen der zukünftigen

Pflegesituation in der Großregion Trier. In: Münnich, R. & Kopp, J. (Hrsg.). Pflege an der

Grenze, S. 77-97. Springer: Wiesbaden, S. 78.

[3] Vgl. Destatis (2019). Bevölkerung im Wandel: Annahmen und Ergebnisse der 14.

Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt: Wiesbaden, S. 19 &

S. 26.

[4] Vgl. Destatis (2019). Bevölkerung im Wandel: Annahmen und Ergebnisse der 14.

Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Statistisches Bundesamt: Wiesbaden, S. 11.

[5] Vgl. Destatis (2020). Bevölkerung: Ältere Menschen. Internetquelle:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aeltere

Menschen/bevoelkerung-ab-65-j.html, zuletzt abgerufen am 10.05.2021.

[6] Krause, J. & Münnich, R. (2019). Kleinräumige Projektionen der zukünftigen Pflegesituation

in der Großregion Trier. In: Münnich, R. & Kopp, J. (Hrsg.). Pflege an der Grenze, S. 77-97.

Springer: Wiesbaden, S. 85f.

[7] Bundesministerium für Gesundheit (2020). Meldungen zur Pflegereform. Internetquelle:

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2020/pflegereform.ht ml, zuletzt abgerufen am 10.05.2021.

[8] Vgl. Krause, J. & Münnich, R. (2019). Kleinräumige Projektionen der zukünftigen

Pflegesituation in der Großregion Trier. In: Münnich, R. & Kopp, J. (Hrsg.). Pflege an der

Grenze, S. 77-97. Springer: Wiesbaden, S. 89; Vgl. Schwinger, A., Klauber, J. & Tsisasioti, C.

(2020). Pflegepersonal heute und morgen. In: Jacobs, K., Kuhlmey, A., Greß, S., Klauber, J. &

Schwiner, A. (Hrsg.). Pflege-Report 2019, S. 3-20. Springer: Berlin, S. 11f.

[9] Vgl. Drupp, M. & Meyer, M. (2020). Belastungen und Arbeitsbedingungen bei Pflegeberufen –

Arbeitsunfähigkeitsdaten und ihre Nutzung im Rahmen eines Betrieblichen

Gesundheitsmanagements. In: Jacobs, K., Kuhlmey, A., Greß, S., Klauber, J. & Schwiner, A

(Hrsg.). Pflege-Report 2019, 23-47. Springer: Berlin, S. 29f.

[10] Vgl. Bonin, H. (2020). Fachkräftemangel in der Gesamtperspektive. In: Jacobs, K., Kuhlmey,

A., Greß, S., Klauber, J. & Schwiner, A. (Hrsg.). Pflege-Report 2019, 62-69. Springer: Berlin,

S. 62ff.

[11] Schmuckern, R. (2020). Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen: Ergebnisse einer

Sonderauswertung der Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit. In: Jacobs, K.,

Kuhlmey, A., Greß, S., Klauber, J. & Schwiner, A. (Hrsg.). Pflege-Report 2019, S. 49-59.

Springer: Berlin, S. 57f.

[12] Drupp, M. & Meyer, M. (2020). Belastungen und Arbeitsbedingungen bei Pflegeberufen –

Arbeitsunfähigkeitsdaten und ihre Nutzung im Rahmen eines Betrieblichen

Gesundheitsmanagements. In: Jacobs, K., Kuhlmey, A., Greß, S., Klauber, J. & Schwiner, A.

(Hrsg.). Pflege-Report 2019, 23-47. Springer: Berlin, S. 45.

[13] Bundesministerium für Gesundheit (2020). Pflegeberufegesetz. Internetquelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html,zuletzt abgerufen am 10.05.2021.

[14] Bundesministerium für Gesundheit (2020c). Meldungen: Pflegekräfte Philippinen.

Internetquelle: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2019/pflegekraefte-philippinen.html, zuletzt abgerufen am 10.05.2021.

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